Am 12. Juli 2002 fand in Bad Boll eine Podiumsdiskussion statt, zu der Frau Ulrike Schmid das nachfolgende Statement abgab.
Statement der LAG Hospiz Baden-Württemberg
Podiumsdiskussion am 12.07.02 in Bad Boll
Die LAG Hospiz Baden-Württemberg ist ein Dach- und Fachverband für Hospizarbeit der vor 6 Jahren von der Basis der Hospizbewegung gegründet wurde.
Aufgaben und Ziele
Folgende Aufgaben und Ziele hat sich die LAG Hospiz gesteckt:
- Förderung des Informations- und Erfahrungsaustausches
- Vernetzung innerhalb der Hospizbewegung und mit anderen in der Hospizarbeit involvierten
- Beratung und Unterstützung ihrer Mitglieder
- Vertretung der Mitglieder
- Öffentlichkeitsarbeit
Das am 1.1.02 in Kraft getretene Gesetz zur Förderung ambulanter Hospizarbeit wird die Hospizlandschaft in Deutschland verändern.
Kennzeichen der Hospizarbeit
Prof. Dr. med. Christoph Student (1991) beschreibt fünf Kennzeichen, die weltweit Hospizarbeit ausmachen:
- Der sterbende Mensch und seine Angehörigen stehen im Zentrum unserer Aufmerksamkeit
- Ein interdisziplinäres Team
- Ehrenamtliche haben ihre eigenständige Aufgaben, sie sind keine Lückenbüßer
- Hohe Kompetenz in Schmerz- und Symptomkontrolle
- Kontinuität der Fürsorge, die sich u.a. in der Erreichbarkeit und dem Angebot einer Trauerbegleitung ausdrückt
Ziel der Hospizbewegung
Ziel der Hospizbewegung ist, sterbenden Menschen ein Leben und Sterben in Würde mit möglichst hoher Lebensqualität und Autonomie zu ermöglichen und ihre Angehörigen mit einzubeziehen. Um dies erreichen zu können, brauchen wir
- Ehrenamtliche
- Kontinuität der Begleitung und Fürsorge
- Gute Kenntnisse in Schmerztherapie und Symptomkontrolle
- Arbeit innerhalb eines interdisziplinären Teams
Das lehren uns Sterbende. Dies stellte schon Elisabeth Kübler-Ross vor über 30 Jahren fest.
Unterstützung für Ehrenamtliche
Aus diesen Überlegungen wird klar, dass Ehrenamtliche ohne Unterstützung und Ergänzung durch andere den Bedürfnissen Sterbender und ihrer Angehörigen nicht gerecht werden können.
Die aktuelle Situation
Nach einer Pionier- und Konsolidierungsphase in der Hospizarbeit sind nun Reflexion und Wandel angesagt, um den Bedürfnissen Sterbender noch besser begegnen zu können.
Ehrenamtliche brauchen neben Unterstützung und kontinuierlicher Begleitung auch eine fachliche Ergänzung.
Immer wieder höre ich Berichte Ehrenamtlicher wie folgendes Beispiel von letzter Woche:
Fallbeschreibung
Durch den häuslichen Pflegedienst wurde die Familie für die Hospizgruppe sensibilisiert, deren Angebot, durch zwei Nächte pro Woche zu entlasten, die Familie gerne annahm, da alle am Rande ihrer Belastungsfähigkeit waren.
Die zu begleitende etwa 45-jährige Frau war besonders nachts sehr unruhig, weswegen seit 14 Tagen immer ein Mitglied der Familie nachts bei ihr blieb. Der Hausarzt war täglich in Kontakt und tat, was er konnte. Die Patientin litt an unsäglichen Schmerzen, gegen die niemand etwas tun konnte.
Bericht einer nächtlichen Begleitung: Es war grauenvoll. Ich fühlte mich so hilflos. Niemand konnte etwas tun. Seit Tagen sehe ich die Augen dieser Frau vor mir. Nachts kann ich nicht mehr gut schlafen und höre sie schreien. Eine solche Begleitung kann ich nicht mehr übernehmen. Gibt es denn nichts, was man da tun kann?
In einer solchen Begleitung fehlen maßgebliche Aspekte der Hospizarbeit wie z. B. Schmerz- und Symptomkontrolle. Wer kann in einer solchen Situation die Sterbende, deren Angehörige und die Ehrenamtlichen entlasten?
An welchen Punkten können wir angreifen, um etwas zu verändern?
Spätestens das neue Gesetz bringt uns zum Nachdenken, Umdenken und Umstrukturieren.
Kooperationen
Kooperationen mit anderen Gruppen und professionellen Partnern werden nötig sein, um die ehrenamtliche Arbeit zu unterstützen und zu ergänzen.
In Baden-Württemberg sind wir, die LAG Hospiz Baden-Württemberg und die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege, bereit, Beratung für alle Gruppen anzubieten.
Problemzone Sitzwachengruppen in Pflegeheimen
Außen vor bleiben nach momentanem Stand der Dinge diejenigen Sitzwachengruppen, die ausschließlich in Pflegeheimen begleiten. Die LAG Hospiz hat sich seit ihrer Gründung für Sitzwachengruppen eingesetzt und wird alle Möglichkeiten nutzen, um dies auch weiterhin zu tun.
Da wir das Gesetz bereits seit Januar 2002 haben, ist es in meinen Augen müßig zu debattieren, was darin stehen sollte oder nicht. Das ist bis auf weiteres festgeschrieben.
Blick in die Zukunft
Sicherlich ist es nach 15 bis 20 Jahren Hospizbewegung in Deutschland an der Zeit zu fragen Quo vadis Hospiz? - Was bedeutet dieser Begriff für uns, wo stehen wir und wohin wollen wir gehen? Dies wird sich unter anderem in der Umsetzung, also den Rahmenbedingungen niederschlagen, um die gerade auf Bundesebene noch verhandelt wird.
Ich denke, das neue Gesetz ist eine Chance, nachdem eine Standort- und Zielbestimmung in der Hospizarbeit gemacht wurde, eine Chance, ein paar Schritte auf einem guten Weg weiter zu gehen.
Ulrike Schmid, Vorsitzende LAG Hospiz Baden-Württemberg
12.Juli 2002